Wie ein Luftballon in einem Eimer

Maria strahlt übers ganze Gesicht. Die letzten Meter läuft sie eingerahmt von den anderen Helden, mit denen sie am vergangenen Sonntag in einer Staffel den Teltowkanal-Halbmarathon gelaufen ist.

Sieben Kilometer hat sie zurückgelegt. Die eine Seite am Kanal entlang ist glatt asphaltiert. Der Rückweg auf der anderen Seite ist etwas holprig, viele Wurzeln machen ihn etwas anstrengend. Meinen zumindest einige. Was ein wirklich beschwerlicher Weg ist, weiß Maria Haneklau genau.

Sie war noch keine 17 Jahre, da erkrankte sie an Krebs. Morbus Hodgkin. Lymphknotenkrebs. Sie ging noch zur Schule, nach den Sommerferien merkte sie, dass etwas nicht stimmt. Eine Beule am Hals fühlte sich komisch an, zudem ein Drücken auf der Brust. „Wird schon nicht so schlimm sein“, habe sie sich gedacht. In ihrer Familie pflegten sie einen undramatischen Umgang mit gängigen Krankheiten wie Schnupfen, Übel,- Heiserkeit. „Trink mal nen Tee“, habe ihre Mutter zu sagen gepflegt.

 

Chemotherapie und Bestrahlung der Lunge

Also machte sie sich zunächst wenig Sorgen. Sie wurde ständig müde, war unfit, schob es auf die „Teeniephase“ und meinte: „Da bin ich halt ein bisschen fauler in der Schule.“ Und wenn die Schmerzen in der Brust mal etwas schlimmer wurden, schlich sie zur Hausapotheke und nahm eine Paracetamol-Tablette. Doch Beule und Schmerzen blieben, wurden größer und schlimmer. Als sie zu ihrer Hausärztin ging, war diese sofort in Alarmbereitschaft. „Und dann ging es ganz schnell“, erinnert sich Maria.

Sie bekam eine Chemotherapie, ihre Lunge wurde bestrahlt. Aufgewachsen ist Maria Haneklau in Cloppenburg, einer 30.000-Einwohnerstadt in Niedersachsen. „Das ist ein Dorf. Jeder wusste: Unter der Mütze sind keine Haare“, erzählt sie. Aber ihr war das egal. „Ich war in einem Alter, in dem man es einfach erklären konnte.“ Sie ging normal zur Schule, zu Parties, traf sich mit Freunden, hatte zuhause die gleichen Pflichten wie ihre zwei Geschwister. Und sie entdeckte den „Chemo-Bonus“, wie sie es nennt. Wenn Tests und Klausuren anstanden, war meist auch ein Therapietermin. Maria lächelt verschmitzt, als sie das erzählt.

Um den Kopf freizubekommen, begann sie zu laufen

Nach acht Monaten Kampf schien der Krebs besiegt. „Zur Belohnung ging es in den Urlaub. Nach Griechenland.“ Dann folgten die Wintermonate, ohnehin alles grau und trüb und jedes Mal die Sorge bei den Nachkontrollen, dass etwas sein könnte. „Eine doofe Zeit“, sagt Maria. Und dann der Schock. Genau ein Jahr nach der ersten Diagnose „ist es bei einer Nachsorgeuntersuchung aufgeflogen“: Der Krebs war wieder da. Wieder Chemo, diesmal hochdosiert, Bestrahlung und eine Stammzellen-Transplantation. Der zweite Behandlungsmarathon innerhalb von zwölf Monaten. Sie hat ihn geschafft.

Ihr jugendlich unbedarfter Umgang mit dem Krebs hat sie erst Jahre später eingeholt. Erst als sie Mitte 20 war, „ist mit bewusst geworden, was ich eigentlich hatte. Da kamen die Angst und die Panik“, sagt Maria. Um damit klar- und den Kopf freizubekommen, begann sie zu laufen. „Das hat super geholfen.“ Außerdem wollte sie Gewicht verlieren, denn durch das viele Cortison, das sie während der Krankheit nahm, „neigt mein Körper dazu, schneller Fettpolster anzulegen“. Durch das Laufen fühlte sie sich frei, obwohl sie schnell ihre Grenzen erkannte. Durch die intensive Bestrahlung funktioniert ihre Lunge nur eingeschränkt. „Es ist, als würde man einen Luftballon in einem Metalleimer aufpusten. Irgendwann ist Schluss“, beschreibt Maria das Gefühl. Immerzu beim Laufen werde sie daran erinnert: „Ich kann nicht schnell.“ Es dauere halt „mega lange, bis ich Kondition aufbaue“. Doch es gab eine Phase, in der sie fast jeden Tag gelaufen ist, 15 Kilometer und mehr. Inzwischen sei es jedoch ein logistisches Problem. Seit acht Monaten ist Maria Mutter eines gesunden Jungen.

Dass sie Mutter wurde, ist ein Wunder

Ein zweites Wunder. „Ärzte hatten mir pauschal gesagt, dass ich nach Chemo und Bestrahlung keine Kinder kriegen kann“, sagt sie. Doch ihr Freund und sie wünschten sich ein Kind. „Uns war klar: Wir versuchen es. Oder wir adoptieren ein Kind.“ Seit März bestimmt Max nun Rhythmus und Tempo des Alltags. Der Kampf gegen den Krebs habe ihre Einstellung zum Leben nicht geändert, meint Maria. „Das hat keine tägliche Präsenz und beschäftigt mich nicht permanent. Und durch das Baby ist es ohnehin nach hinten gerückt. Jetzt steht mein Kind im Vordergrund“, sagt die 31-Jährige.

Ihr Sohn gebe ihr den Ehrgeiz, „genauso fit wie vor der Schwangerschaft zu werden“, sagt Maria. Sie weiß, dass sie „viel, viel mehr dafür kämpfen und trainieren muss als andere“. Aber sie möchte ihren Körper wieder spüren. Im Juni, gut ein Vierteljahr nach der Geburt ihres Sohnes, „wollte ich in Bremen unbedingt an einem Firmenlauf teilnehmen“, sagt sie und fügt stolz und bestimmt hinzu: „Das hab’ ich auch geschafft“. Im kommenden Frühjahr möchte sie in Hannover einen Halbmarathon laufen. „Ich habe die Hoffnung, es zu schaffen.“ Mit Geduld und ohne Druck. „Tempo stresst mich nur“, sagt Maria. Sie weiß, dass große Vorhaben Zeit brauchen. Sie kennt das von ihrem ganz eigenen Marathon.