Grenzenlos nach 42 Kilometern

Er war noch gar nicht richtig losgelaufen, da kam schon der K.o.-Schlag. Als Andreas Baranowska vor fast genau drei Jahren das erste Mal zum Lauftraining ging, gab er gleich im dritten Satz ein Statement ab: „Nächstes Jahr laufe ich Marathon!“

Der Trainer sah ihn an – einen großen Mann mit kräftigen Waden und einem beeindruckenden Bauchumfang. „Du läufst nicht mal nen Halbmarathon im Frühjahr“, urteilte der Coach mit entwaffnender Klarheit. Baranowska trottete nach Hause; missmutig, sauer – und herausgefordert: „Dem zeig’ ich’s!“ Drei Jahre später holte er sich seinen donnernden Applaus ab. Vor wenigen Wochen lief der Kleinmachnower in Berlin seinen ersten Marathon.

Andreas Baranowska ist noch immer eine imposante Erscheinung mit breiten Schultern, kräftigem Kreuz und respektablem Wettkampfgewicht. 120 Kilo wiegt er. „Ich war schon immer kräftig und habe damit kein Problem“, sagt er. Als Kind hat er geboxt, bei Dynamo Nauen. „Und weil ich schon in jungen Jahren in einer guten Gewichtsklasse war, hab' ich das ein oder andere Mal auch kampflos gewonnen“, erzählt er schmunzelnd. Also schon immer ein Schwergewicht? „Ich war zumindest nicht leicht“, formuliert es der 49-Jährige. Er fühle sich wohl und sein Körper sei längst ein geschulter Lastenträger, sodass er trotz der Lauferei keinerlei Verletzungssorgen hat.

Für diakonische Arbeit mit dem Goldenen Kronkreuz ausgezeichnet

Andreas Baranowska mag Projekte. Eine Idee haben, eine Strategie entwickeln, loslegen und machen. Im Prinzip ist sein ganzes Berufsleben eine Projektfolge. Er lernte Zimmermann, wollte am liebsten in den Potsdamer Schlössern und Gärten arbeiten. „Doch wie das in DDR-Zeiten so war“, sagt er, „die Träume waren begrenzt.“ Er sollte, so die Bedingung, drei Jahren in der NVA dienen, ehe er in Sanssouci hätte zimmern dürfen. Als die Armeezeit rum war, konnte sich an die Abmachung keiner mehr erinnern. Baranowska, groß geworden in Falkensee, setzte sich aufs Fahrrad und machte sich auf Arbeitssuche. „Irgendwas in der Nähe, was ich mit dem Rad gut erreichen konnte“, sollte es sein. Auf der Erkundungstour geriet ein Kinder- und Jugendheim in seinen Radar. „Da hab' ich dann als Aushilfe angefangen“, erzählt er. Als 21-Jähriger betreute er 18 Jahre alte Jugendliche.

Die Arbeit gefiel ihm, sodass er nach der Wende in Berlin berufsbegleitend eine Ausbildung zum Erzieher machte. Er wechselte zum Johannisstift in Spandau, einer diakonischen Einrichtung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien, für Menschen mit Behinderung sowie für ältere Menschen, Langzeitarbeitslose und Strafgefangene. „Weil ich noch etwas mehr Substanz für meine Arbeit haben wollte“, machte er eine zusätzliche heilpädagogische Ausbildung. Und seit nunmehr 25 Jahren betreut Baranowska im Schichtdienst Erwachsene mit geistigen und körperlichen Behinderungen - seit einigen Wochen unterrichtet er in der Förderschule des Johannesstifts Kinder mit mehrfacher Behinderung. Für seinen diakonischen Dienst über ein Vierteljahrhundert lang hat Baranowska vor Kurzem das Goldene Kronkreuz erhalten, das höchste Dankeszeichen der Diakonie für die Treue und den Einsatz im Dienste des Nächsten.

Das Laufen wurde für ihn zu einer Selbstverständlichkeit

Durchhaltevermögen ist eine Stärke von Andreas Baranowska. Ein Marathon wäre sonst nicht zu schaffen, auch das Training dafür nicht. Jedes Frühjahr fastet er – sieben Wochen lang. „Ich will meinen Körper Zeit geben, sich zu regulieren und zu entgiften“, begründet er die jährliche Kur. Vor einigen Jahren hat er über drei Monate eine Extremkur durchgehalten. Die Berliner Charité suchte damals Probanden für eine Studie: „Abnehmen im Schlaf.“ Baranowska wog damals 140 Kilo, bewarb sich und wurde ausgewählt, sich ein Vierteljahr lang viermal täglich nur mit Eiweißdrinks zu ernähren und Sport zu treiben. Nicht mehr als 800 Kilokalorien durfte die tägliche Energiezufuhr betragen. Ein krasses Experiment, an dessen Ende er weniger als 100 Kilo wog und ihm eine Woche lang der Kiefer schmerzte. „Ich war das Kauen nicht mehr gewohnt“, erklärt Baranowska mit trockenem Humor.

Während der Charité-Studie begann er zu laufen. Irgendwann bekam er einen Platz in einem Vorbereitungstraining für den Berliner Halbmarathon, der jedes Jahr im Frühjahr stattfindet. „Das war cool“, erinnert er sich, „mit Laktatmessung auf der blauen Bahn im Berliner Olympiastadion.“ Er lief den Halbmarathon. „Und dann hörte es nicht mehr auf.“ Mittlerweile brauche er das Laufen, „wenn ich es eine längere Zeit nicht habe, fehlt was“, sagt Baranowska. Er ist sich nicht sicher, ob er noch einmal einen Marathon laufen wird. „Aber das Training dafür würde ich gern wieder machen“, meint er. Das habe ihn ausgefüllt. Er liebe es, mit seiner Trainingsgruppe zu laufen, sich auch mal nur als Letzter ranzuhängen und sich in Gedanken zu verlieren. „Bei den langen Läufen hab' ich drei Stunden Zeit, mich mit mir auseinanderzusetzen“, sagt Baranowska. Und er sei erstaunt gewesen, wie sehr seine Familie sein Marathon-Projekt akzeptiert und sich selbst im Urlaub nicht daran gestört habe, wenn er zu seinen langen Läufen aufbrach. „Das Schöne war, dass ich nach dem Training immer entspannt war und immer Lust auf das eigentliche Tagesprogramm hatte.“ Dranbleiben am regelmäßigen Laufen sei für ihn längst kein Ziel mehr, „das ist inzwischen selbstverständlich“.

Mit dem Marathon wollte sich der Theater-Liebhaber beweisen

Das Bild vom Dauerläufer ist ein so völliges anderes als das eines sinnierenden Künstlers mit Rotwein und reichlich Zigaretten. Aber auch das gibt es in Baranowskas Lebens-Almanach. Er liebt das Theater. Er spielte Jahrzehnte am Kleinen Theater Falkensee, war dessen künstlerischer Leiter und arbeitete als Regisseur. Er inszenierte Anton Tschechow und Albert Camus, brachte Jura Soyfers „Weltuntergang“ auf die Bühne, engagierte sich im Brandenburgischen Amateurtheaterverband und gab Schauspielunterricht für Anfänger. Nebenbei machte er eine Ausbildung zum Theaterpädagogen. Künstlerreisen führten ihn bis nach Griechenland, wo er sich die Theaterstücke der griechischen Mythologie anschaute. Da war er schon nah daran am Marathon, doch war das damals einzig die historische Stätte der Schlacht, in der die Athener die Perser besiegten.

Erst Jahre später wurde der Marathon zu Baranowskas sportlicher Herausforderung, zu einem Projekt, „mit dem ich mir beweisen wollte, dass ich es kann“. Die Wirkung des Zieleinlaufs scheint grenzenlos: „Nachdem ich die 42 Kilometer geschafft habe, habe ich das Gefühl, als stünde mir alles offen“, sagt Baranowska.

Gemeinsam mit der AOK Nordost stellen wir Helden des Alltags vor. Menschen, die Bemerkenswertes geschafft haben und mithilfe des Sports aus einer schwierigen Lebenssituation gekommen sind. Sie laufen am 6. November im Rahmen der AOK-Heldenstaffel beim Teltowkanal-Halbmarathon – gemeinsam mit Michael Klotzbier: Der 37-Jährige hat in einem Jahr 50 Kilo abgenommen und lief am 25. September 2016 den Berlin-Marathon.