Die richtige Balance gefunden

Michael Pietsch ist ziemlich weit oben angekommen. Er hat einen grandiosen Blick über die Stadt:

Weit über den Potsdamer Platz und Tiergarten hinaus bis zum Berliner Reichstag reicht die Aussicht. Auf der anderen Seite der Panorama-Schau sieht er die Dächer des Berliner Westens. Michael Pietsch steht in der siebten Etage des Sony Centers im Berliner Büro von Facebook. Im vergangenen Februar sind er und seine Kollegen in das neue Domizil gezogen – weg vom zu eng gewordenen Büro am Pariser Platz auf 1300 leuchtend bunt eingerichtete Quadratmeter.

Michael Pietsch arbeitet seit anderthalb Jahren beim weltweit größten sozialen Netzwerk. Als "Client Partner" ist er für die strategische Entwicklung von Großkunden verantwortlich. Er berät andere Unternehmen, wie sie Facebook effizient für sich nutzen und einsetzen können. Für den 42-Jährigen ist es ein Traumjob. Nicht der tollen Aussicht wegen, aber wegen der zuvor nicht geahnten Perspektiven, die sich eröffnet haben.

Sorglos und fahrlässig ging Michael Pietsch mit sich um

Mit gerade mal 25 Jahren hatte er seinen ersten Managerposten und war seitdem „viel in Führungsrollen beschäftigt“, wie er sagt. Aber in den meisten Unternehmen habe er genau das Gegenteil erfahren, was allgemein von Führungskräften gewünscht und verlangt wird. „Da gab es viel Misstrauen und Kontrolle gegenüber den Mitarbeitern“, meint er. Daher war er zunächst skeptisch, bei einem US-Unternehmen anzufangen. Die amerikanischen Firmen häufig nachgesagte „hire and fire“-Mentalität machte ihm durchaus Sorge. Doch er habe schnell bemerkt, dass Facebook „eine sehr eigene Kultur der Wertschätzung, Fairness und Vielfalt“ hat. Werte, die er sich in seinem eigenen Leben selbst – zum Teil hart – erarbeitet hat.

Michael Pietsch kennt auch eine andere Form des Aufstiegs. Mit jungen Jahren hat er noch Fußball gespielt – beim BFC Dynamo. Als er aufhörte, nahm er zu. „Mit Mitte 20 hatte mich zu einem Klotz von 105 Kilo entwickelt“, erzählt er. Sorglos und fahrlässig habe er sich ernährt. „Es war eine Lebensphase, in der es nicht so lief und in der sich Haltlosigkeiten eingeschlichen haben“, erzählt er. Er habe Ärger und Sorgen mit Essen kompensiert. In ausufernden Situationen habe er komplett den Überblick verloren, was er gegessen hat. Irgendwann habe er sich Fotos angeschaut und sich selbst gefragt: „Was ist das denn für ein Maß?“ Die Karriere sei vorprogrammiert, würde er so weiter machen: „Diabetes, Herz-Kreislaufprobleme!“

Gefährliche Tendenz nach einer Ernährungsumstellung

Er stellte die Weichen radikal um. Er verordnete sich feste Mahlzeiten, strich Zucker und Fett aus seinen Speiseplänen, verzichtete auf Alkohol und lernte, am Abend aufzuzählen, was er tagsüber gegessen hatte. „Das konnte ich vorher nicht“, sagt er. Bis heute sei dies ein „vernünftiger Indikator für ein gesundes Essverhalten“, meint er. Es dauerte, das richtige Maß zu finden. Die Änderungen der Ernährungsgewohnheiten nahmen zunächst eine gefährliche Tendenz an. „Ich habe eine gewisse Freude an der Askese erlebt“, erzählt Michael Pietsch: „Ich habe viel gearbeitet, wenig genossen und mich auf den morgendlichen Gang zur Waage gefreut.“ Die Pfunde purzelten. Als er weniger als 80 Kilo wog, begannen Freunde und Kollegen zu warnen: „Jetzt ist aber auch mal gut!“ Er ließ es gut sein, fand die richtige Balance, indem er sich schnell wieder erlaubte, auch zu genießen und nicht nur zu verzichten.

Die Erfahrungen und die Fähigkeit, sich selbst gut wahrnehmen zu können, waren hilfreiche Paten, als er mit 33 Jahren das erste Mal Vater wurde, „und sich mein Leben noch einmal drastisch veränderte“, wie Michael Pietsch sagt. Die Folge: „Die Anzeige auf der Waage ging wieder stetig nach oben.“ Er spürte ein Unwohlsein – und kannte das Gegenmittel: Sport.

Dank Laufen "auf einem ganz anderen mentalen Level"

Heute gehört Sport zu seinem routinierten Wochenprogramm. Jeden Dienstag und Donnerstag steht er in aller Frühe auf und joggt um 5.45 Uhr gemeinsam mit seiner Frau eine Sechs-Kilometer-Runde. Freitags läuft er mit Kollegen durch den Tiergarten. „Running meetings“ nennen sie die aktiven und produktiven Pausen. Und am Wochenende läuft er selbst noch einmal eine längere Runde. „Es ist inzwischen eine gewohnte Regel, den Wecker auszuschalten, die Sachen anzuziehen und loszulaufen“, sagt Michael Pietsch. Er habe kein sportliches Ziel, sondern möchte sich einfach nur wohlfühlen. „Es ist diese Zufriedenheit, es gemacht zu haben, die mich antreibt“, sagt er. Diese halbe Stunde am frühen Morgen helfe ihm, sich auf den Tag vorzubereiten. „Es bringt mich mental auf ein ganz anderes Level.“

Dieses Gefühl nach dem Laufen ist ihm wichtiger geworden als nach eigenen sportlichen Bestmarken zu streben. Jene Einstellung gab es auch: „Früher hatte ich den Ehrgeiz, immer längere Strecken zu laufen oder schneller als am Vortag zu sein. Ich konnte auch nie mit anderen laufen“, sagt Michael Pietsch. Seitdem er läuft, um sich ins Gleichgewicht zu bringen, verschwand auch der Leistungsdruck. „Heute kann ich mich beim Laufen wunderbar unterhalten, habe Spaß und kann es genießen.“ Und es gibt für ihn einen weiteren Nutzwert und Ansporn: „Es verlangt von mir, mich auf den Moment des Loslaufens zu fokussieren, mich darauf zu konzentrieren, früh aufzustehen oder mich zu überwinden, wenn es kalt ist. Oder abends, wenn ich k.o. bin, den Schritt aufs Rudergerät zu machen und zehn Kilometer zu rudern.“ Allein das Gefühl danach, es gemacht zu haben und diese Anstrengung zu spüren, die einen kurze Zeit später wohltut und erfrischt, ist Belohnung. „Ja“, sagt Pietsch, „mein Belohnungsempfinden hat sich verändert. Früher brauchte ich dafür Schokolade.“

Er hat gelernt, auf sich aufzupassen und Signale zu erkennen

Bewusst auf seine Ernährung zu achten und regelmäßig Sport zu treiben – für beides eine Routine zu entwickeln, habe ihn gelehrt, mit Stress und Druck umzugehen und für viele Herausforderungen Antworten zu finden. Dass er oben, im siebten Stock bei Facebook angekommen ist, nennt Michael Pietsch das Resultat einer Sehnsucht, die aus den Erfahrungen seiner früheren Jobs, aber auch durch seine Lebensweise entstanden ist. Natürlich habe er sich gefragt, warum er einer der 15.000 Mitarbeiter eines Unternehmens ist, bei dem sich zwei Millionen Menschen um einen Job bewerben. In mehreren Bewerbungsrunden musste er sich vorstellen, an deren Ende „sicher glückliche Faktoren, aber auch die eigene Ausstrahlung“ für ihn sprachen. In früheren Jobs habe immer die fachliche Eignung an oberster Stelle für einen Arbeitsvertrag gestanden. Bei Facebook sei „cultural fit“ das entscheidende Einstellungskriterium: Passt jemand mit seinen sozialen Kompetenzen und Wertevorstellungen ins Unternehmen, um den hohen Anforderungen eines erfolgreichen Global Players gerecht zu werden. Denn der Job ist hart. „Ich verbringe mehr Zeit im Büro als zuhause“, sagt Michael Pietsch. „Und wenn ich das Büro verlasse, bin ich immer noch mit Facebook, WhatsApp oder Instagram verbunden. Es verfolgt mich 24 Stunden.“

Michael Pietsch räumt ein: „Viele Menschen haben große Probleme mit der Work-Life-Balance.“ Er habe gelernt, auf sich aufzupassen und achtsam für Signale zu sein. „Ich habe gelernt, Distanz aufzubauen und Ruhephasen zu erkennen und zu bekommen“, sagt er. Er nennt es nicht Balance, sondern Work-Life-Integration. Der schöne Blick von oben mag dabei für einen kurzen Moment helfen. Wichtiger ist der geschulte Blick auf sich selbst.

Gemeinsam mit der AOK Nordost stellen wir Helden des Alltags vor. Menschen, die Bemerkenswertes geschafft haben und mithilfe des Sports aus einer schwierigen Lebenssituation gekommen sind. Sie laufen am 6. November im Rahmen der AOK-Heldenstaffel beim Teltowkanal-Halbmarathon – gemeinsam mit Michael Klotzbier: Der 37-Jährige hat in einem Jahr 50 Kilo abgenommen und lief am 25. September 2016 den Berlin-Marathon.