Aus dem Rausch gelaufen

Der Händedruck ist kräftig. Breite Schultern, ein witziger Schnauzbart. Blaue Augen, die keck aufblitzen können, wenn Jürgen Müller im mittlerweile feinsten Berliner Dialekt seine Geschichte erzählt.

Von seinem Leben, das er lange Zeit nie so geführt hat, wie er es wollte, „sondern wie es andere erwartet haben“, wie er sagt. Eine „Tretmühle“ sei es gewesen, in der Alkohol zu einem teuflischen Begleiter wurde – einer, mit dem er in regelmäßigen Abständen scheinbar fliehen konnte: Weg von den Dingen, die er eigentlich nicht wollte und die doch sein Leben bestimmten. „Ich war ein Quartalstrinker“, erzählt der 56-Jährige. In Wahrheit waren die Fluchtmomente Abstürze, die über die Jahre in der Sucht und fast auf der Straße endeten. Durchs Laufen fand Jürgen Müller den Weg zurück ins Leben.

Jürgen ist in einem Dorf in der Lausitz aufgewachsen. Er wollte Abitur machen, Jura oder Journalistik studieren. Doch das Privileg, im Arbeiter- und Bauernstaat die Erweiterte Oberschule zu besuchen, war ihm nicht vergönnt. Sein Vater riet ihm, was Solides zu lernen. Jürgen wurde Elektromaschinenbauer in einem 1 500-Mann-Betrieb. Nach der Wende ging es mit dem Unternehmen bergab. 30 Beschäftigte durften bleiben, Jürgen gehörte nicht dazu. „Da hab ich mich selbstständig gemacht“, sagt er. Er wurde Subunternehmer: Zu zweit fuhren sie über die Dörfer und reparierten alte DDR-Dächer. „Das war eine richtige Goldgräberstimmung. Kaum waren wir mit einem Dach fertig, sind wir beim Nachbarn aufs nächste geklettert.“ Dann verletzte er sich an der Schulter „und mit den Dächern hatte es sich erledigt“. Er wurde Verkäufer: Autos, Heizungen, Sanitäranlagen, Versicherungen, Geldanlagen. „Ich hab alles verkauft und auch gutes Geld verdient“, sagt Jürgen. „Und so wie ich es verdient habe, hab ich es unter die Leute gebracht. Und die Sucht hatte mich schon lange fest im Griff.“ 

„Ich hatte mich fast ins Koma gesoffen“ 

Er war 22, als seine damalige Freundin schwanger wurde. „Und so wie es aufm Dorf war, musste geheiratet werden, damit das Kind einen Namen hat.“ Nach drei Jahren „war die Ehe futsch“. Der Alkohol blieb an seiner Seite. Schon in jungen Jahren stürzte er regelmäßig ab. Mit 26 machte er auf Bitten seiner Eltern, nach bereits mehreren Entgiftungen, seine erste Therapie. „Aber die Krankheitseinsicht war längst noch nicht da.“ Jahrelang drehte er sich im Kreis: Trockenphasen, Abstürze, Therapien. „Ich war in einer Art Wiedergutmachungsspirale“, meint Jürgen. Nach jedem Alkoholexzess wollte er zeigen, dass er trocken bleiben kann. „Doch ich hab mich immer verhoben. Hab keine Bande gefunden.“ Sein Beziehungsstatus wechselte ständig: on/off. Bei einer Entwöhnungsbehandlung lernte er eine Frau kennen, sie bekamen ein Kind, wurden aber nicht glücklich.

„2004 hab ich noch einmal richtig Glück gehabt und einen Job bekommen“, erzählt Jürgen. Außendienst, 5er BMW, Home Office, richtig gutes Gehalt. „Und ich hab’ es gleich vergeigt.“ Bei einer Schulung in Düsseldorf wurde er rückfällig, ließ es ordentlich krachen und geriet auf der Rückfahrt in eine Polizeikontrolle. „Führerschein weg!“ Jürgen nickt, als wolle er sich noch einmal selbst bestätigen, dass dies beinahe sein Ende war: „Da hab ich mich fast aufgegeben.“ Sein Konto war leer. Er zog aus der gemeinsamen Wohnung aus in eine kleine Bude und ließ Frau und Kind im Stich. Er verkaufte sein Auto – und versoff das Geld. Endstation. Jürgen wollte nach Berlin. „Ich dachte, in der Anonymität der Großstadt kannste machen, was du willst.“ Wieder landete er im Krankenhaus. Das Datum hat er noch im Kopf: 29.09.2006. „Ich hatte mich fast ins Koma gesoffen.“

„Beim Laufen habe ich wieder gelernt, mich wahrzunehmen“

Vier Tage später stand Jürgen in einem kleinen Zimmer der Eichendorfer Mühle, einer betreuten Wohneinrichtung und kirchliches Therapiezentrum in der Märkischen Schweiz. „Ich und der liebe Gott“, dachte er, „das kann ja was werden.“ Hier, im tiefsten Brandenburger Wald, waren alle per Du, „es gab einen kleinen Dorfkonsum ohne Bier und Schnaps“. Er sei bald wieder weg, habe er sich gesagt, während ihm sein Bezugstherapeut den Klang einer Gitarre illustrierte: Er solle erst gehen, wenn alle Saiten gestimmt sind und harmonisch klingen. „Es hat drei Monate gedauert, ehe ich eingesehen habe, dass ich hier richtig bin“, sagt Jürgen.

Und er begann zu laufen. „Ich spürte einen solchen Bewegungsdrang. Ich musste mich austoben. Viel andere Möglichkeiten gab es dort nicht.“ Im nächstgrößeren Ort kaufte er sich bei Lidl eine Pulsuhr, in einem Laufmagazin las er ein Datum, das ihn fesseln sollte: 30. September 2007, Berlin Marathon! „ Ich wäre dann auf den Tag genau ein Jahr trocken“, meinte er. Jürgen bastelte sich eine Collage – die Marathonstrecke durch Berlin, Läuferbeine, Haile Gebrselassie, das Brandenburger Tor – und heftete sie zur Motivation an seinen Schrank. „Anfangs konnte ich keine halbe Stunde am Stück durchlaufen“, erinnert er sich. Aber er ist immer wieder los. Es wurden fünf, acht, zehn Kilometer. „Ich bin immer allein gelaufen. Beim Laufen habe ich wieder gelernt, mich wahrzunehmen. Da habe ich mich gespürt“, erzählt Jürgen. „Die Kunst des Trockenbleibens ist es ja, sich in allen Lebenslagen ohne Alkohol auszuhalten. Beim Laufen, auch wenn es manchmal schmerzhaft war, habe ich das wieder gelernt.“ Nach einem halben Jahr Training lief Jürgen ganz in der Nähe des Therapiezentrums seinen ersten Halbmarathon. „Ich fühlte mich fit wie ein Turnschuh und bin losgerannt, als gebe es keinen Morgen mehr. Am Ende kamen die zwei höchsten Berge der Märkischen Schweiz ... Ich kannte die Strecke nicht und bin total verreckt.“ Unter zwei Stunden habe er bleiben wollen, es wurde 2:12 Stunden.

Inzwischen ist Jürgen bereits sechs Marathons gelaufen

Er trainierte weiter für sein großes Ziel und entdeckte plötzlich viele Parallelen zwischen dem Laufen und seinem Leben. Er bekam die Vorstellung, dass man alles schafft im Leben, wenn man einen Marathon schafft. Kleine Schritte, immer kleine Schritte auf dem Weg in die Abstinenz, wie es ihm eine Therapeutin einmal ans Herz legte. „Dann schaffst du es auch, trocken zu bleiben“, sagte er sich. Für ihn konnte in dieser Zeit nichts schwerer sein, als immer wieder die Disziplin aufzubringen und loszulaufen. Und das Training habe ihn gelehrt, geduldig zu sein – was er bis dahin nie konnte: „Ich hatte immer Hummeln im Arsch.“ Erst das Marathontraining wurde zum Lehrmeister für Geduld. Er lernte zu warten, bis es beim Laufen „irgendwann immer leichter und schneller ging“. Er ließ sich darauf ein, in der Märkischen Schweiz zu bleiben, bis alle Saiten stimmig klangen. Fast ein Jahr blieb Jürgen in der Eichendorfer Mühle. Kurz vor seinem ersten Marathon zog er nach Berlin – zuerst wieder in eine WG einer betreuten Einrichtung. Als er am Tag des Laufes im Startfeld stand, war er aufgeregt wie ein kleiner Junge. „Ich hatte 42 Kilometer lang Gänsehaut: Die vielen Menschen auf der Strecke. Und die ganze Zeit Zuschauer ... Das war ich nicht mehr gewohnt. Die Sucht hatte mich isoliert, ich war allein.“ Und plötzlich war er mittendrin. Jürgen spürte eine Kraft, eine Gemeinsamkeit, die er so lange nicht mehr kannte.

Inzwischen ist Jürgen sechs Marathons gelaufen. Vor neun Jahren zog sein zweiter Sohn kurz vor der Einschulung zu ihm, er ist jetzt 15. Auf den Laufwegen in der Märkischen Schweiz hat Jürgen zu sich selbst gefunden. „Früher war ich arrogant und überheblich. Ein Klugscheißer und Narzisst vor dem Herrn. Doch alles war nur Show, um meine Schwächen und Ängste zu überspielen.“ Demut und Bescheidenheit habe er nicht gekannt. Diese habe er erst durchs Laufen gewonnen. An der Freien Journalistenschule in Berlin hat er inzwischen das studiert, was er schon immer wollte. Er lebe jetzt endlich sein Leben – am liebsten mit 140 Herzschlägen pro Minute. „Das ist genau die Frequenz, bei der ich in längeren Läufen high werde“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Gemeinsam mit der AOK Nordost stellen wir Helden des Alltags vor. Menschen, die Bemerkenswertes geschafft haben und mithilfe des Sports aus einer schwierigen Lebenssituation gekommen sind. Sie laufen am 6. November im Rahmen der AOK-Heldenstaffel beim Teltowkanal-Halbmarathon – gemeinsam mit Michael Klotzbier: Der 37-Jährige hat in einem Jahr 50 Kilo abgenommen und lief am 25. September 2016 den Berlin-Marathon.