Meilenlange Grenzerfahrung

Es war eine Grenzerfahrung für 675 Läufer, die am 15. August einmal Berlin umrundeten. Im mehrfachen Wortsinn. Allein 100 Meilen – 160 Kilomter – zu laufen, hatte sie an die Belastungsgrenze gebracht, auch wenn die meisten von ihnen zur Gilde der Ultraläufer zählen und lange Distanzen gewohnt sind. Aber die Temperaturen von über 30 Grad haben zusätzlich gefordert, sodass die Veranstalter eine „Trinkflaschen-Pflicht“ ausgerufen hatten: Zwischen den 27 Verpflegungspunkten mussten die Läufer mindestens einen halben Liter Wasser dabei haben.

Vor allem aber ist es die Streckenführung, die den Teilnehmern jedes Jahr nahebringt, wo einst die Grenze zwischen Ost und West war: Die 100 Meilen sind der einstige Mauerweg, der Berlin 28 Jahre lang zur geteilten Stadt machte. Zum vierten Mal organisierte die LG Mauerweg den Ultralauf, der Start und Ziel im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg hatte, über Hennigsdorf nach Potsdam, weiter gen Osten nach Adlershof und im letzten Abschnitt vorbei an der East Side Gallery, dem Checkpoint Charlie, Brandenburger Tor und Reichstag führte. 2016 geht es dann in umgekehrter Richtung.

Sieger der vierten Auflage wurde bei den Frauen Patricia Rolle von der LG Nord Berlin, die einen neuen Streckrekord in 15:57:39 Stunden lief. Bei den Männern gewann der Vorjahreszweite Marco Bonfiglio aus Italien in 13:40:11 Stunden.

Nicht alle Teilnehmer hatten die gesamte Distanz allein bewältigen. Insgesamt waren 59 Staffeln am Start, die sich die Strecke zu zweit oder zu viert teilten. Im Vergleich zum Vorjahr waren das 33 Staffeln mehr, auch die Zahl der Einzelläufer hat sich erhöht. „Der Lauf erarbeitet sich zunehmend seinen Ruf in der Ultraszene“, freut sich Chef-Organisator Hajo Palm. Und das über Deutschland hinaus. 104 Läufer aus 25 Nationen hatten gemeldet, allein 26 Teilnehmer kamen aus Italien. Die Briten stellten mit 13 Athleten die zweitstärkste Nation, gefolgt von Österreich (11), Dänemark (10) sowie den USA. Zahlreiche Skandinavier, aber auch Läufer aus Nigeria, Indien, Japan, Australien und Tunesien waren bei der vierten Auflage des Mauerweglaufs dabei.

 „Es geht bei diesem Lauf nicht ums Gewinnen“, meint Hajo Palm. Vielmehr stehe das Erinnern an die deutsche Teilung, das Gedenken an die Opfer und die Freude über den Fall der Mauer im Vordergrund. „Der Lauf ist ein Beitrag zur Erinnerungskultur in diesem Land und in dieser Stadt, mit dem auf ungewöhnliche Weise an die unmenschliche Berliner Mauer und ihren Fall 1989 erinnert wird“, sagt Rainer Eppelmann. Der früherer DDR-Bürgerrechtler und Minister für Verteidigung und Abrüstung in der Regierung Lothar de Maizière ist Schirmherr der 100 Meilen um Berlin. In jedem Jahr ist der Lauf einem anderen Maueropfer gewidmet – stellvertretend für die mindestens 138 Menschen, die an der Grenze zwischen 1961 und 1989 ihr Leben ließen. Auf der Medaille, die am Samstag die Läufer im Ziel bekommen haben, ist das Gesicht von Marienetta Jirkowsky abgebildet. Micky, wie die junge Frau genannt wurde, ist am 22. November 1980 bei einem Fluchtversuch zwischen Hohen Neuendorf und Berlin-Frohnau von DDR-Grenzsoldaten erschossen worden.

„Ich hatte immer eine Gänsehaut, wenn ich bei meinen drei Mauerwegsläufen an den Stelen vorbeigekommen bin, die an Maueropfer erinnern“, sagt Hajo Palm. Er selbst habe zehn Jahre auf West-Berliner Seite im Schatten der Mauer gewohnt, erzählt der 64-Jährige. „Ich hatte immer den Gedanken, von meiner Seite an der gesamten Mauer entlangzuwandern, um sie mir im einzelnen anzuschauen“, sagt er. „Und dann war sie plötzlich weg.“

Daher war er sofort angetan, als es 2011 zum ersten Mal die Idee des 100-Meilen-Laufes entlang des einstigen Grenzstreifens gab. Die drei bisherigen Umrundungen hat der Ultraläufer jeweils mitgemacht. Seit Februar dieses Jahres ist er Organisationschef der Verstaltung. „Auch das ist ein Marathon“, sagt er. Neben den Anmeldungen und der Betreuung der Läufer sind 400 freiweillige Helfer zu koordinieren, die am Start und Ziel sowie an 27 Verpflegungspunkten die Läufer versorgen.

Den Startschuss am vergangen Samstag gab Horst Milde, Ehrenmitglied des veranstaltenden Vereins und langjähriger Chef-Organisator des Berlin-Marathons, der 1990 das erste Mal nach dem Mauerfall durch das Brandenburger Tor führte.


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