„Ich kam kaum noch allein aus dem Auto raus“

Frank Glässer aus Teltow hat in einer Zweierstaffel den Berliner Mauerweglauf absolviert. Im Interview spricht er über Euphorie und Erschöpfung, Spielzeuge im Starterfeld sowie die sportliche Geschichtserfahrung.

Herr Glässer, wie fühlen Sie sich nachdem Sie 90 Kilometer gelaufen sind?

Es ist zweigeteilt, einerseits total glücklich und zufrieden, dass man es geschafft hat und andererseits kommt kurz darauf natürlich eine extreme Müdigkeit und die ganze Körperanspannung fällt auf einen Schlag weg. Nachdem ich nach 90 Kilometern in Sacrow auf meinen Teampartner Marco übergeben habe, bin ich zum Auto und alles war toll, ich fühlte mich riesengroß und wenige Minuten später fiel auf einmal alles weg. Ich fühlte mich so müde, dass ich kaum noch alleine aus dem Auto rauskam.

Was haben Sie dann im Anschluss gemacht? Sich erstmal hingelegt oder noch auf Ihren Teamkollegen gewartet?

Nein ich konnte nicht mehr auf Marco warten. Er ist ja dann noch 70 Kilometer gelaufen und war dann auch nochmal acht Stunden unterwegs. Deswegen bin ich dann nach Hause, kurz in die Sauna und war dann so fix und fertig, dass ich mich erstmal hingelegt hab. Also es ist dann eigentlich wie bei jeder anderen Veranstaltung auch. Einerseits ist man natürlich hundemüde und kann sich kaum bewegen, andererseits ist man aber auch so voll Adrenalin und aufgeputscht, dass man auch keine Ruhe findet. Es gehen einem so viele Bilder und Erinnerungen durch den Kopf, so viel Positives und Negatives. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit einem normalen Straßenlauf. Da ist es so, man läuft los, quält sich ein bisschen und ist dann am Ziel. Hier war ich zehn Stunden unterwegs, da trifft man Leute, dann erlebt man auch mal ganz schlimme Sachen und will zwischenzeitlich einfach nur noch in die Ecke kotzen, dann fühlt man sich irgendwann wieder ganz toll und freut sich über Kleinigkeiten.

Sind Sie die 90 Kilometer am Stück gelaufen oder mit Pausen zwischendurch?

Nicht in dem Sinne, dass man mal für eine halbe Stunde anhält und sich ausruht, dafür war die Strecke zu kurz. Auf meiner Strecke gab es ja zehn oder elf Verpflegungspunkte und da hält man dann natürlich mal kurz an.

Sind Sie vorher schonmal Ultraläufe gelaufen oder war das eine Premiere für Sie?

Das war meine Premiere.

Können Sie sich vorstellen, so etwas nochmal zu machen?

Ja, das war ja eher eigentlich ein Vorbereitungslauf für die 100 Kilometer im Taubertal (Anm. d. R.: Ultramarathon am 7. Oktober in Bayern)

Der Mauerweglauf hat ja einen historischen Hintergrund. Es wird am ehemaligen Grenzstreifen entlanggelaufen und die 100 Meilen sollen der Opfer gedenken. Wie hat die Geschichte der Mauer während des Laufens auf Sie gewirkt?

Am Freitagabend gab es ein kurzes Briefing, bei dem über die Geschichte des Grenzstreifens erzählt wurde. Besonders toll finde ich, dass bei jeder Auflage des Laufes einer bestimmten Person gedacht wird, indem an der Gedenkstelle für die Person eine besondere Aktion stattfindet. Diesmal war es Erik Hartmann, das jüngste Maueropfer in Treptow. An seiner Gedenkstelle konnte man Spielzeug abstellen, das dann dem Johanniterbund gespendet wurde. Das Spielzeug konnte entweder beim Briefing abgegeben werden und man konnte es kurz vor der Gedenkstelle im Vorbeilaufen von einem Tisch nehmen und dann selbst am Gedenkort ablegen. Oder man konnte das Spielzeug wirklich bis zu dem Punkt mit sich tragen. Ein Läufer hatte einen Spielzeugbagger an seinen Rucksack gebunden, und ist dann mit dem Ding  klappernd wirklich 47 Kilometer bis dahin gelaufen. Später wurde erzählt, dass ein Läufer einen Teddy dabei hatte und total unglücklich war, weil sie ihn auf der Strecke verloren hatte. Für mich hat der Mauerweg vor allem eine historisch spannende Bedeutung und ich finde es toll, dass sich ein Verein derart engagiert. Ich hatte schon das Gefühl, dass viele Läufer das auch so wahrnehmen, also nicht nur das Ganze als sportlichen Wettkampf nutzen, sondern auch das Geschichtliche dahinter sehen. Ich fand es spannend, sich mit vielen Läufern auf der Strecke auszutauschen.

War Ihnen die Platzierung egal und es ging im Wesentlichen um die Herausforderung?

Also die Platzierung war mir völlig egal, der Hauptpunkt war, irgendwie durchzukommen. Klar, man wollte jetzt nicht unbedingt als Letzter ankommen, aber es ging mir schon nur darum, dass ich einfach durchkomme und die Erfahrung mache.

Wie haben Sie sich auf die lange Distanz vorbereitet?

Nicht viel anders als für einen Marathon, mit dem Unterschied, dass ich die langen Läufe immer mehr ausgedehnt habe, aber nicht von der Distanz her, sondern eher zeitlich. Ich bin öfter mal zwei bis drei Stunden Rad gefahren und habe darauf geachtet, dass ich eine niedrige Herzfrequenz hab, um einfach schonend unterwegs zu sein.

Allein 90 Kilometer zu laufen, ist bemerkenswert. Was hat Sie an dem Mauerweglauf zudem fasziniert?

Was mir generell gefällt, ist dass es sehr familiär dort ist. Es ist ein unwahrscheinliches Wirgefühl, die Unterstützung, die man von den freiwilligen Helfern bekommt, ist riesengroß. Was die dort stemmen, ist echt faszinierend, weil die im Vergleich zu normalen Läufen, allein was die Verpflegungspunkte betrifft einen viel größeren Aufwand haben.

 

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