Echte Beinarbeit

Kathi Müller, 10 Meter vor dem Zieleinlauf beim Berliner Halbmarathon

Der 21.678, die 21.679…wo bleibt sie denn nur? So steht man als Zuschauer des Berliner Halbmarathons geduldig im Zielbereich – und wartet.

Vergangenen Sonntag, am 2. April, hieß es wieder für mehr als 33.000 Läufer, die 21 Kilometer zu meistern. Ich selbst habe mir dieses Ziel nicht gesetzt, aber meine Schwester Kathi.
Und tatsächlich, nach zwei Stunden, 16 Minuten und 45 Sekunden die Erlösung: Ziel erreicht – ohne Gehpause! Passend erklang im Zielbereich der Titel „Ein Hoch auf uns“. Es ging bei ihr nicht darum, eine Marke zu knacken. Nein, sie wollte nur durchhalten, ohne Schmerzen und mit Glücks- und Erfolgstränen in den Augen. Die Tränen blieben im Ziel aus, die kullerten schon beim 5. Kilometer. „Als mir bewusste wurde was ich da gerade tue, liefen die Tränen ganz plötzlich“, sagte Kathi stolz. Das kann sie sein, sie lief als 6499. von insgesamt 13.327 gestarteten Frauen ins Ziel – mehr, als sie jemals erwartet hätte. Dass die erste Frau, Joan Melly aus Kenia, sich nach nur 1.08.45 h ihre Medaille umhängen konnte, war unfassbar für Kathi. Hut ab. Da braucht es jede Menge Übung und Energie.

Zur Vorgeschichte

Die Vorgeschichte zu diesem Ereignis ist lang, aber nicht ungewöhnlich - zumindest aus meiner Sicht als Freizeitläuferin. Das war Kathi übrigens auch bis vor zwei Jahren – oder ist sie wohl jetzt wieder. Ich hatte bereits kurze Läufe in meinen Alltag eingeplant, meist am Wochenende morgens durch den Park. Für mich Gewohnheit. Irgendwann liefen wir zu zweit, Kathi fand Geschmack an der Freiluftsportart. Eines Morgens starteten wir zum gemütlichen Lauf. Es war der Tag des rbb-Laufs 2015. Fragend schaute mich meine Schwester an, was hier los wäre. Als wir relativ entspannt zurück waren und sie inzwischen alles über den rbb-Lauf wusste, stand fest: Den machen wir nächstes Jahr auch. 14 Kilometer, das ist zu schaffen, meinten wir beide. So war es. Um uns langsam heranzutasten an die Strecke, suchten wir uns bis dahin Laufevents, auch als Motivation. Die Preußische Meile mit 7,5 Kilometern waren keine Hürde, auch die 10 Kilometer beim Asics Grand 10 Berlin meisterten wir ohne Probleme. Selbst bei den 14 Kilometern sind wir nicht an unsere Grenzen gegangen, da geht noch was, hieß es. Ein neues Ziel war für Kathi schnell gefunden: Halbmarathon. Erstmal anmelden und dann überlegen, ob das eine gute Idee ist, sagte sie. Ich war raus aus der Nummer – längere Strecken sind nicht mein Ding, zumal ich wusste, was einem bevorsteht: monatelange Vorbereitung, Training. Das ist gar nicht so leicht, die vielen Laufeinheiten in den Alltag einzubauen, wenn man einen Fulltime-Job hat. Kathrin war entschlossen, wenngleich ein wenig unsicher. Als kleines Zwischenziel – vom rbb-Lauf bis zum Halbmarathon war es ja noch ein knappes Jahr – haben wir beim Harzgebirgslauf im Oktober 2016 mitgemacht. 11 Kilometer sollten es sein, nicht mehr.

Los geht´s

Ab dann lief der Countdown: laufen, laufen, laufen, möglichst noch ein oder zwei Krafteinheiten in der Woche zwischenschieben. Egal, bei welchem Wetter. Regen, Schnee, Minusgrade – das alles hat Kathrin ausgeblendet und ist gelaufen, als würde sie vom Hund gejagt. Es lief wortwörtlich, wenngleich hin und wieder die Kraft ausblieb oder die Lust im Keller verschwand. Schließlich musste sie allein trainieren. Das ist schwerer als im Team zu laufen – die Motivation ist geringer, der Schweinehund umso größer. Aber es lief - bis heute.
Wie geht es jetzt weiter? Erstmal Laufpause. Einen weiteren Halbmarathon wird Kathi sicher laufen. Aber einen Marathon niemals: „Die doppelte Strecke ist einfach zu viel für mich. Da kann man vorher noch so viel Schokolade und Dextro Energy in sich reinstopfen.“ Für mich als Zuschauer hat dieser Halbmarathon auch Konsequenzen. Ich gab ein Versprechen ab: Wenn Kathi noch einmal starten sollte, werde ich dabei sein – als Teilnehmerin! Zu zweit läuft es eben einfach besser.

 

Text: Susann Müller ist freie Redakteurin und ambitionierte Hobbyläuferin

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