Marathon des Lebens

Wilfried Jackisch ist Deutschlands schnellster Alkoholiker. Seit elf Jahren ist er trocken. Das Laufen hat ihn gerettet.

Willi läuft immer noch. An einem der heißen Tage dieses Sommers steht er nur mit kurzer Laufhose auf einem Parkplatz im Grunewald und erzählt. Knapp 20 Kilometer sei er gerade gelaufen. Und nächste Woche will er mit ein paar Leuten mit der Bahn raus nach Werder fahren und über Geltow und Potsdam zurück nach Berlin laufen. Seine Beine sind drahtig, die Arme dünn, der Oberkörper ausgemergelt. Willi ist fit. Ende September läuft der 63-Jährige den Berlin-Marathon – wiedermal. Es dürfte so ungefähr sein 60. Marathon sein.

Dass Wilfried Jackisch, so heißt der Berliner, überhaupt noch läuft, ist ein Wunder. Manche glaubten, er würde sich totsaufen. „War ja auch fast so“, sagt er selbst. Als er 20, 25 Jahre alt war, galt Jackisch als einer der besten West-Berliner Läufer. Als 21-Jähriger lief er seinen ersten Marathon in 2:27 Stunden, später gewann er den Mallorca-Marathon, verbesserte sich auf 2:18:52 Stunden. Er lief die 10.000 Meter unter 30 Minuten. Professionell hat er das Laufen nie betrieben –die Lust an den schönen Dingen des Lebens war viel zu groß, als dass er darauf verzichtet hätte: Sex, Drugs und Rock'n’ Roll waren sein Motto – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Im Rausch an den Start

„Ich war 20, als ich begann, es zu genießen, nach dem Laufen ein Bier zu trinken. Immer mehr zelebrierte er die promillegeschwängerten Glücksmomente nach dem Laufen mehr als das Laufen selbst. „Die Geselligkeit und das Bier haben meine gute Laune nach dem Laufen noch verstärkt", erzählt Jackisch. Er liebte es, zu feiern und die Leute mochten es, mit Willi die Nacht zum Tag zu machen. Mit der Laufgruppe nach dem Training in die Kneipe – das war letztlich das endgültige Ziel. „Ich bin gruppenorientiert“, sagt Jackisch, „laufend und sitzend.“ Er machte es zum Sport, letzter Gast am Tresen zu sein, „meine verdammte Ausdauer konnte ich auf lange Sitzungen in der Kneipe übertragen.“ Um sich wach zu halten, „hab ich auch mal ne Linie Koks reingezogen“, erzählt Jackisch.
Und sein Körper entpuppte sich als äußerst widerstandsfähig. Nicht selten endete eine durchzechte Nacht direkt an der Startlinie eines Laufes. Während andere am Vorabend eines Wettkampfes Reis und Pasta mampften, kippte Jackisch Pilsner. 16 halbe Liter hinderten ihn nicht daran, sich am nächsten Morgen eine Startnummer ans Trikot zu tackern und freudig-trunken seine Späße an der Startlinie zu machen. „Das hat nicht immer allen gefallen“, gesteht er.

Gut möglich, dass das Laufen und der sportliche Ehrgeiz zum Lebensretter wurden. Denn natürlich war sich Wilfried Jackisch seines Talentes bewusst, das er früh selbst entdeckt hat. Er war zehn Jahre, als er sich nach dem Leichtathletiktraining in seinem Sportverein fragte, ob er auch 25 Runden im Stadion schafft, wie er es zuvor „bei den Großen im Fernsehen“ verfolgt hatte. Also zog er sich Spikes an und rannte zehn Kilometer auf der Aschenbahn. „Ich hab das aus Spaß gemacht“, sagt er. Zum Spaß gesellte sich später Ehrgeiz, sodass er auch einige Wochen auf Alkohol verzichten konnte, wenn er disziplniert und mit einem Ziel vor Augen trainierte. Wie etwa 1983: Da gewann er den Berliner Triathlon, lief innerhalb weniger Wochen zwei Marathons unter 2:20 Stunden.

4. April 2004 - Tag der Umkehr

Dass Jackisch im Rausch schneller war als viele andere nüchtern, war lange Zeit eine amüsante Facette des exzessiven Lebens. Training und Wettkämpfe avancierten zu „Alkoholverdunstungsläufen“, wie seine Lauf- und Saufkumpel unkten. „Aber in Wahrheit hat alles darunter gelitten", sagt Jackisch heute. „Jobs, Partnerschaften, die Gesundheit.“ Und auch der Sport. „Ganz sicher hat es meine Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Durch die regelmäßigen Exzesse habe ich meine Möglichkeiten nicht ausgeschöpft“, vermutet Jackisch. Und letztlich kam er selbst an die Grenze. Es war der 4. April 2004. „Ist ja ein komisches Datum“, dachte er damals, rannte den Berliner Halbmarathon, nachdem er „zwei Tage zuvor völlig breit war“ und wenige Stunden vor dem Start quasi zum Frühstück drei Hefeweizen getrunken hatte. Nach schnellen 1:21 Stunden – als 53-Jähriger! – war er im Ziel, rannte schnurstracks weiter an die Sponsoren-Bierstände, „um mir die Kante zu geben“, fuhr mit dem Taxi über die Stammkneipe nach Hause, um am nächsten Tag „völlig im Eimer“ aufzuwachen. Jackisch ging zum Arzt und legte fest: „Ich will das nicht mehr!“ Er kapitulierte. „Und in dem Moment spürte ich eine Kraft aufsteigen“, sagt er. Er dachte an seine kleine Tochter, die damals zwei Jahre alt war. „Ich wollte für sie nicht die Figur sein, die ich damals abgab, mit all den Unzuverlässigkeiten“, sagt er.

Im „Tannenhof“, dem Suchttherapiezentrum in Zehlendorf, hat er einen viermonatigen Entzug gemacht. Zwei Wochen nach seinem Totalabsturz lief er den Hamburg-Marathon – unter drei Stunden. „Ich hab mit dem Laufen nie aufgehört, habe mit Beginn des Entzuges auch sofort weitertrainiert“, sagt Jackisch. Anfangs habe er es bewusst vermieden, an Lokalen und Kneipen vorbeizulaufen, die wie ein Sog wirkten. „Das war schwierig. Ich habe die Leute beneidet, die Alkohol noch genießen konnten. Aber ich hatte mein Lebensfass ausgetrunken.“ In den harten Phasen des Entzugs gab es „lichte Momente“, sagt Jackisch. „Ähnlich tolle Momente wie beim Laufen über eine Wiese, auf der sich das niedergetretene Gras wieder aufrichtet.“ Er habe in der Klinik anderen Patienten vorgeschwärmt, „wie toll und beruhigend Laufen ist, wenn man unruhig wird“.

Elf Jahre ist Wilfried Jackisch jetzt trocken. Anfällig ist er noch immer. „Ich bin suchtdisponiert“, sagt er. „Ich bin ein erfahrungssüchtiger Mensch.“ Den Kick des Alkohols suche er nicht mehr. „Ich weiß um die Konsequenzen“, versichert Jackisch. Aber Laufen wird eine Sucht bleiben. „Aber eine, die keine Narben hinterlässt“, meint Jackisch. Diese Droge halte ihn am Leben.

Text: Peter Könnicke / Foto: Helmut Winter

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