Asphalt unter den Schuhen

Zum 23. Mal gab es einen 100-Kilometer-Staffellauf zwischen Polen und Deutschland. Dabei gab es etwas bislang Einmaliges in der Geschicht...

Die Informationsanzeige an der polnischen Nationalstraße 36 zeigt 25 Grad Celsius Lufttemperatur. Der Asphalt ist 45 Grad heiß. Im Vorbeifahren würde man die Daten kurz zur Kenntnis nehmen, vielleicht die Klimaanlage regulieren. Aber wenn die Straße unter den Sohlen brennt, ist das etwas anderes. Dann wird jeder Schritt zur Hitzeschlacht, erst recht, wenn der Weg 100 Kilometer lang ist.

So weit ist es vom Cottbuser Rathaus bis auf den Marktplatz im polnischen Zielona Gora. Um die Partnerschaft zwischen den beiden Städten sportlich zu pflegen, wurde 1992 zum ersten Mal ein Staffellauf initiiert, der am vergangenen Samstag zum 23. Mal stattfand – am Start auch drei Teams vom Potsdamer Laufclub und eines der Laufschule gotorun.

15 Etappen zwischen drei und 14 Kilometer Länge sind bei diesem Rennen zu laufen. Fünf Läufer gehören zu einer Staffel, laut Reglement müssen eine Frau dabei sein und ein Starter, der älter als 50 Jahre ist. Jeder Läufer muss mindestens zweimal auf die Strecke.

In 21 der bislang 23 Staffelrennen kam das Siegerteam aus Polen. Für Andrzej Szcesny, dem Organisationschef auf polnischer Seite, ist der Staffellauf ein Prestige-Rennen. Jahr für Jahr rekrutiert er Spitzenläufer seines Landes, sodass der erste Platz ein polnisches Dauer-Abo hat. Nur zweimal in der Geschichte des Laufes konnte ein deutsches Team gewinnen: 1992 und 1994 siegte eine Staffel aus der einstigen Läufer-Hochburg Cottbus mit dem Bronzemedaillen-Gewinner des olympischen Marathons von Barcelona 1992 – Stephan Freigang. Der Streckenrekord seines damaligen Teams von 5:18:16 Stunden ist inzwischen 21 Jahre alt.

Auch am vergangenen Samstag kam das Siegerteam aus Polen (5:49:46) nicht an diese Marke heran. Während deren Läufer einsam über die Landstraße stürmten, geschah dahinter etwas Einmaliges in der Geschichte des 100-Kilometer-Rennens. Unter den insgesamt 54 Staffeln lieferten sich gleich drei deutsche Teams ein Kopf-an-Kopf-Rennen: die Diehlower Hügelläufer, ein Team von Sport-Freigang aus Cottbus und die Potsdamer gotorun-Staffel. „Drei deutsche Staffeln unter den Top-Vier“, freute sich René Hinz, der auf deutscher Seite die Organisationsfäden zieht: „Das gab es noch nie.“

Auch in 15 Teilabschnitte geteilt und als Gemeinschaftswerk von fünf Läufern sind 100 Kilometer eine Herausforderung für Körper und Geist. Die ersten drei, vier Etappen sind noch ein gesellschaftliches Ereignis. Dann werden die Abstände zwischen den Staffeln größer und das Rennen gerät mehr und mehr zu einer Angelegenheit, bei der man mit sich, der Straße und seinen Gedanken allein ist. Wenn die zur nächsten Wechselzone vorausfahrenden Teamautos aus dem Blickfeld verschwinden und vor einem nichts weiter zu sehen ist als Asphalt und weiße Fahrbahnmarkierungen, hämmert die Sinnfrage hartnäckig im Kopf: Warum mach ich das? Warum? Die Antworten können vielleicht nur Läufer verstehen: Weil es trotz der Anstrengung schön ist. Weil vier andere Läufer auf einen warten. Weil es es Genugtuung verschafft und Stolz. Weil es ein Ziel gibt.

Am meisten schmerzt das Wiederloslaufen, nachdem man sich nach seiner Etappe im Begleitfahrzeug versucht hat, so gut es geht zu erholen. Spätestens wenn es das dritte Mal in die Wechselzone geht, beginnt sich die Muskulatur zu wehren. Die Oberschenkel brennen, die Waden ziehen sich zusammen. Im Magen gluckst ein Mix aus Bananen, Elektrolytgetränken und Energygels, den man als Treibstoff zwischen den Etappen getankt hat. Am Ende ist es mehr Wille als Kraft, der die Läufer ans Ziel bringt, das am vergangenen Samstag das Rathaus in der Altstadt von Zielona Gora war. Das gotorun-Team überquerte als vierte Staffel die Ziellinie (6:16:36 Stunden). Die drei PLC-Staffeln kamen auf die Plätze 26, 29 und 46. Das diesjährige Ziel ist 2016 der Start. Dann geht es von Zielona Gora nach Cottbus – mit vielen Wiederholungstätern.

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