Ein Tanz über zehn Kilometer

Der Great Ethiopian Run ist der größte Lauf in Afrika und ein Fest der besonderen Art. Ein Potsdamer war Ende November dabei.

Piet Könnicke auf dem Great Ethiopian Run 

Der Great Ethiopian Run ist der größte Lauf in Afrika und ein Fest der besonderen Art. Ein Potsdamer war am vergangenen Sonntag dabei.

Es mag den Karneval in Rio geben, auch Berlin hat seinen Karneval der Kulturen. Und wer weiß, wo die knalligste Silvesterparty auf dieser Welt ist... Addis Abeba jedenfalls hat den Great Ethiopian Run – und das ist Karneval und Neujahrsgefühl in einem. Wer einen Zehn-Kilometer-Lauf als eine einzige Tanz- und Gesangsparty erleben will, muss Ende November in die Hauptstadt Äthiopiens kommen.

Ich hatte am vergangenen Sonntag das kaum zu beschreibende Vergnügen, inmitten des größten Laufes von Afrika zu sein. Eine einmalige Erfahrung in einem Läuferleben vielleicht – ich würde es gern wiederholen. 40 000 Läufer, darunter 500 ausländische Teilnehmer, veranstalteten auf den Straßen im „Brüssel von Afrika“, wie Addis Abeba als internationaler Hotspot seit einigen Jahren genannt wird, einen Genuss an Lauffreude. Im „Land der Läufer“, als das Äthiopien wegen seiner unzähligen Weltklasseläufer von Abele Bikila bis zu Haile Gebrselassie, Kenenisa Bekele oder Derata Tulu gilt, zelebrierten Zehntausende das Laufen in einer Art und Weise, wie sie woanders kaum möglich scheint: natürlich, begeistert, hoch emotional. Volksheld Haile Gebrselassie selbst, dessen Popularität einem an jeder Ecke von Addis begegnet, hatte am Tag zuvor nur einen Rat für eine etwaige Renntaktik: „Lauft nicht, sondern tanzt.“

Der Great Ethiopian Run ist das emotionale Spiegelbild eines Landes, das zu den ärmsten der Welt gehört und das seine Läufer in einem Maße verehrt, wie es nur noch im benachbarten Kenia getan wird. Denn die Rolle der äthiopischen Weltklasseläufer in einem Land, in dem der Widerspruch zwischen natürlichem Reichtum und alltäglicher Armut allgegenwärtig ist, ist von enormem Einfluss. „Unsere Läufer lehren uns, dass sich Fleiß, tägliche Überwindung und Geduld auszahlen“, sagt Ermias Ayele, Racedirektor des Great Runs.

Geduldig wartet der junge Läufer, den ich am Abend kurz vor Einbruch der Dunkelheit am Stadtrand von Addis Abeba begegne, auf einen Bus. Er erzählt, dass seine derzeitige Marathon-Bestzeit bei 2:13 Stunden liegt, was ihn in Äthiopien zu einem mittelmäßigen Läufer macht, während er in Deutschland zu den derzeit Besten zählen würde. Er sei auf dem Weg zum Training, sagt er. Das wird am nächsten Tag stattfinden, auf einer staubigen Sandrunde, die vielleicht 400 Meter lang ist. Dort werden sich 20, 30, vielleicht 40 Läufer am frühen Morgen um 7 Uhr zum Training treffen. Es ist die einzige Laufbahn im Umkreis von Addis Abeba. Zwar gibt es nur 30 Minuten vor der Stadt, inmitten der Entoto-Hügel, eine moderne Tartanbahn, für die jedoch eine Tagesgebühr von 13 Dollar zu zahlen ist. Die abgegriffenen Scheine, über 10 Birr (etwa 25 Eurocent), in der Hand des jungen Läufers reichen gerade für die Busfahrt und eine Übernachtung. Der Bus wird ihn 30 Kilometer weit hinaus von Addis Abeba bringen, die Nacht wird er mit anderen Läufern in einer engen Hütte verbringen, um am nächsten Morgen so ausgeruht wie möglich auf der staubigen Bahn zu laufen. Ich kam nicht umhin, an den Aufruhr um die im vergangenen November für etwa ein Jahr geschlossene Potsdamer Leichtathletikhalle zu denken und die vermeintlichen Probleme beim Ausweichen auf andere Sportstätten innerhalb der Stadt.

Der Mount Entoto erhebt sich 3200 Meter über der „Neuen Blume“, wie Addis Abeba heißt. Der Berg, seine Ausläufer und kleinen Nachbarhügel sind bewaldet von Eukalyptusbäumen, die zu Zeiten von Kaiser Menelik II. aus Australien ihren Weg nach Addis fanden. Die duftenden Eukalyptushaine sind gesäumt von kaum knöchelhohem Gras – ein Laufterrain, das puristischer und natürlicher nicht sein könnte. Die 2500 bis 3000 Meter hoch gelegenen Entoto-Hügel und Wälder sind die Trainingswelt vieler äthiopischer Läufer.

Als einen „Lauf in den Himmel“ hat der bekannte äthiopische Marathontrainer Yilma Berta das Training im Hochland über Addis einmal beschrieben. Die unzähligen ausgetretenen Graspfade, die sich um durch die Eukalyptuswäldchen schlängeln, zeugen von den vielen Läuferfüßen, die hier für ihren Traum vom sportlichen Erfolg unterwegs sind.

Haile Gebrselassie hat sich in den Entoto-Hügeln den Willen und die Stärke für seine einzigartige Erfolgskarriere geholt. In seinem Haus in Addis Abeba, in das er nach dem Great Ethopian Run eingeladen hat, zeugen die vielen Trophäen, Pokale und Medaillen von den vielen großen Rennen des Olympiasiegers, Weltmeisters und Weltrekordlers. Doch er habe viel mehr gewonnen, sagte er am Rande des Great Runs. „Ich habe mehr zurückbekommen, als ich gegeben habe“, so der 41-Jährige angesichts der Achtung und Verehrung und auch der 40 000 Läufer des Great Ethiopian Run, die das Laufen – ganz in seinem Sinn – gefeiert haben.

Eine Zeit für die zehn Kilometer habe ich nicht. Aber es ist mit Gewissheit ein neuer Rekord: Ich bin noch nie so weit getanzt.

Der Autor ist Läufer und Trainer der Potsdamer Laufschule „gotorun“.

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